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Winter in Trebus kann eine unschöne Sache sein. Heftigst kalte Räumlichkeiten, dunkel und abgelegen. So ist 2011 die Weihnachtsfeier und der Saisonabschluß in den Oktober verlegt worden. Zum Festprogramm gehörte auch ein Ausflug am 22. Oktober. Der Bus vom Typ H6 von René Belschner aus Freiberg (www.h6bus.de) stand bereits auf dem Hof zur Abfahrt bereit, das Ziel war genauso naheliegend wie ungewöhnlich: Nach Eisenhüttenstadt sollte es für eine Stadtrundfahrt gehen.
Um von Fürstenwalde nach Eisenhüttenstadt zu gelangen, muß man eigentlich nur dem Oder-Spree-Kanal folgen, der bereits zu Zeiten Friedrichs II. als Infrastrukturprojekt angelegt wurde und durch die Anlage eines Oder-Hafens erst größere Industrieansiedlungen nach sich zog.
Eisenhüttenstadt kann heute viele Sehenswürdigkeiten aufweisen. Ziel unseres Ausfluges war jedoch Brandenburgs größtes Flächendenkmal: Die ersten vier Wohnkomplexe der Stadt.
Ab 1950 in anderthalb Jahrzehnten entstanden, wurden hier auf dem Reißbrett städtebauliche Ideale ohne Abstriche verwirklicht wie sonst selten. Durch seine klare Gliederung bietet sich das Stadtgebiet von Eisenhüttenstadt bestens für touristische Busrundfahrten an. Die Delegation im Reisebus war dabei hochkarätig und international. Natürlich haben die Bewohner unserer schönen Bundeshauptstadt am meisten Aufmerksamkeit auf sich gezogen, sodaß ich mich als echter Brandenburger schon ein wenig in der Minderheit fühlte. Der Ausspruch „ach, ihr seid ja sowieso alles Berliner“g brachte es aber an den Tag. Umgehend kam Widerspruch: „Das is doch gor nüsch wohr!“g. Tatsächlich nahmen neben den Berlinern, Barbara aus Fürstenwalde und unserem Freiberger Fahrer René auch Gäste aus Coswig sowie dem Erzgebirge teil.
Nachdem der Bus dann auf dem Zentralen Platz abgestellt wurde, machte sich die neugierige Gruppe auf, die Stadt zu Fuß zu erkunden. Nach einem kleinen Umweg über das Lunik, den IFA-Salon und den Obelisk wurde das Museum für DDR-Alltagskultur besucht, das in einem ehemaligen Kindergarten in der Erich-Weinert-Allee eine Dauerausstellung und wechselnde Sonderausstellungen bereit hält. Leider wurde die Dauerausstellung gerade zum Zeitpunkt unseres Besuchs nach einem guten Jahrzehnt abgebaut, die neuen Erkenntnisse aus der Sonderausstellung zur Formgestaltung hielten sich in Grenzen kannte man doch das alles nicht nur aus jahrzehntealter Erinnerung sondern selben Tags vom Frühstück in Trebus. Umgekehrt dürfte für das Personal des Museums nicht nur die Menge der Gäste eine Überraschung gewesen sein. Auf das Angebot, den eigentlich als abgebaut geltenden Ausstellungsteil in einer Wohnung in der Straße der Republik zu sehen, verwies ich die Entscheidung zum Besuch an das Reisekollektiv. Tiefe Falten auf der Stirn der Museumsmitarbeiterin wurden ob dieser Formulierung sichtbar, die sich noch vertieften, als Marek die Brigadekasse zum Begleichen des Eintritts herausholte. Wahrlich! Solche Gäste wie uns haben die da nicht alle Tage. Wahrscheinlich nicht mal alle Jahre. So besuchten wir also noch die Musterwohnung im Einrichtungsstil der frühen 60er Jahre. Es gab wohl noch kaum jemanden seit Einrichtung dieser Wohnung als Ausstellung, der sich in dieser wohnlichen und geschmackvollen Umgebung nicht irgendwie heimisch fühlte. Von der Butterpackung im Kühlschrank über den gefüllten Kleiderschrank bis hin zu „typischen“g Zimmerpflanzen ließ sich hier alles finden, was das Leben während der letzten Blütezeit Eisenhüttenstadts ausmachte, die aber noch in die Epoche des „Unrechtsstaats“g bzw. der „Sogenannten“g fällt. Doch auch der Hunger nach leiblicher Nahrung mußte gestillt werden und noch vor der Wohnungsbesichtigung suchten wir deshalb unterwegs nach einem Imbiß. So liebevoll das Flächendenkmal inzwischen saniert ist, so ist es doch touristisch auch völlig unterentwickelt. Samstagmittag waren wir so fast die einzigen auf den freundlichen, breiten Straßen, die Geschäfte und die Tourismusinformation hatten bereits ab 11 Uhr geschlossen. Und doch sprach sich inzwischen herum, daß wir in der Stadt sind. Der einzige offene Bäcker Straße des Komsomol empfing so die hungrigen Mäuler bereits in dem Kommentar, es werde sich wohl um die Fahrgäste aus dem Reisebus handeln. Zum Glück war gerade Schichtwechsel, denn so hatten wenigstens zwei Mitarbeiter in dem Geschäft eine Chance, dem Ansturm einigermaßen Herr zu werden, obwohl man eigentlich nicht im Ansatz auf diese Situation vorbereitet war. Und so schwand zusehends die Breite des Angebotes und erleichterte den l etzten in der Schlange die Auswahl.
Den Hunger nach Essen und Kultur gesättigt ging es abschließend zurück nach Trebus, wo der gedeckte Kaffeetisch ins Abendbrot und dieses in die Weihnachtsfeier mit Tanzeinlage überging. Einzig mich als Stadtführer für diverse Ortschaften (und Monopolist auf Busführungen durch Eisenhüttenstadt) dürfte nicht überrascht haben, was für eine Perle im märkischen Sand wir entdecken würden, und daß ein Tagesausflug nur an der Oberfläche kratzt. - Selbst, wenn man sich nur auf die ersten vier Wohnkomplexe beschränkt. Auf ihre Kosten kamen bei dieser Tour alle. Abseits der ausgetretenen Pfade läßt sich noch eine ganze Menge entdecken. Und so sind bereits weitere Rundfahrten bei den IFA-Freunden geplant, die natürlich wieder ich als freiberuflicher Stadtführer kompetent begleiten werde.
Andreas Kellner aus Potsdam-Sanssouci.
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